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50 Jahre Nationalpark Bayerischer Wald

Programm zum Nationalparkjubiläum entfällt bis Mitte Juli. Corona-Pandemie: Fest der Region sowie weitere Events und Führungen abgesagt

Aktionen & Veranstaltungen des Nationalparks Bayerischer Wald im Jubiläumsjahr 2020

Wie geht es mit dem Nationalpark-Jubiläum weiter?

Fest der Region wird im Juni 2021 nachgeholt - Führungen finden ab 30. Mai wieder statt

Eigentlich hätte der Nationalpark Bayerischer Wald das ganze Jahr über bei mehr als einem Dutzend Veranstaltungen seinen 50. Geburtstag gefeiert. Die Corona-Pandemie hat die Planungen über Bord geworfen. Alle bis Mitte Juli geplanten Termine waren bereits abgesagt. Nun ist klar, dass das Jubiläumsprogramm auch im Rest des Jahres ausfällt. Dafür wird der Hauptakt 2021 nachgeholt. Führungen finden – in reduzierter Form – ab 30. Mai 2020 wieder statt.

Von der ausgeweiteten Absage sind unter anderem das für Anfang August im Nationalparkzentrum Falkenstein bei Ludwigsthal anvisierte Fest der Region sowie sechs Tage der offenen Türen in den Nationalpark-Einrichtungen betroffen. Zudem wird die Geburtstagsführungsreihe ersatzlos gestrichen. Die gängigen Abstands- und Hygieneregeln wären bei derlei Veranstaltungen schlicht nicht umsetzbar.

Umplanung: Einige Events werden online stattfinden
Doch es gibt auch positive Nachrichten: „Bereits vergangenes Wochenende hätte es einen großen offiziellen Festakt sowie ein zweitägiges Fest der Region im Nationalparkzentrum Lusen bei Neuschönau geben sollen“, berichtet Nationalparkleiter Dr. Franz Leibl. „Diese Hauptveranstaltung holen wir nächstes Jahr nach.“ Die behördliche Genehmigung vorausgesetzt, soll das Event von 18. bis 20. Juni 2021 über die Bühne gehen.

Darüber hinaus ist die Nationalparkverwaltung gerade dabei, einige der abgesagten Veranstaltungen neu zu konzipieren und online in Videoformaten anzubieten.

Besucherinteraktion in Realität gibt’s derweil bald wieder im Führungsbereich. Ab Samstag, 30. Mai, werden im Rahmen eines Corona-Ersatzprogramms täglich verschiedene geführte Wanderungen größtenteils kostenlos angeboten.
Größere Touren sind am Wochenende geplant. An den Samstagen findet jeweils um 10 Uhr eine Tageswanderung in die wilde Natur zwischen Rachel und Lusen statt, am Sonntag geht es zur selben Zeit in das Nationalparkgebiet zwischen Falkenstein und Rachel. Auch an den Werktagen werden täglich bis zu zwei Führungen angeboten, wie zum Beispiel am Montag ein Urwaldspaziergang mit einem Ranger in Zwieslerwaldhaus, eine Wanderung zu den wilden Wäldern am Sagwasser am Mittwoch oder die Entdeckung der Vogelwelt am Donnerstagmorgen.

Mindestabstand und Maximalteilnehmerzahl bei Führungen
Nachdem ab den Pfingstferien mit einem erhöhten Besucheraufkommen im Nationalpark zu rechnen ist, hat sich die Verwaltung für das Angebot eines Ersatz-Programmes entschieden. „Für uns ist es wichtig, dass nicht nur Urlaubsgäste, sondern auch Einheimische wieder bei geführte Wanderungen unsere wilde Natur entdecken können“, erklärt Leibl. Die Bayerische Staatsregierung hatte in dieser Woche den Weg dafür geebnet und Führungen unter Einhaltung der geltenden Hygienevorschriften erlaubt.
„Im Nationalpark bedeutet dies, dass der Mindestabstand von eineinhalb Metern eingehalten werden muss. Aus diesem Grund ist die Teilnehmerzahl auf maximal zehn Personen beschränkt.“ Bei entsprechender Nachfrage nach einzelnen Angeboten wird jedoch versucht, zwei Gruppen zu bilden, die räumlich getrennt voneinander unterwegs sind, um die Gesamtkapazität pro Führung auf 20 Personen zu erhöhen.

Das Programm läuft vorerst bis zum 30. Juni. Danach wird, entsprechend den dann geltenden Verhaltensregeln, entschieden, wie es mit dem Führungsbetrieb weitergeht.

Das komplette Führungsangebot ist auf der Homepage des Nationalparks unter www.nationalpark-bayerischer-wald.de abrufbar. Zu jeder Führung müssen sich die Teilnehmer beim Führungsservice unter 0800 0776650 oder nationalpark@fuehrungsservice.de  anmelden.

Mehr Infos: www.nationalpark-bayerischer-wald.bayern.de/50jahre

Zehn Dinge, die wir in 50 Jahren gelernt haben:

1. Der Wald verjüngt sich von allein

Nach dem Absterben der Altfichten im Hochlagenwald in den 1990er Jahren gab es in der Region die Meinung, man müsse der natürlichen Waldentwicklung durch Pflanzungen auf die Sprünge helfen. Erfahrungen aus der Forstgeschichte haben schließlich gezeigt, dass die Verjüngung der Hochlagenwälder schon immer ein Problem war. Die Ergebnisse der Waldinventuren der Nationalparkverwaltung zeigen jedoch ein völlig anderes Bild. Nach dem großflächigen Borkenkäferbefall verjüngt sich der Wald so stark wie nie zuvor. Die Verjüngungsdichte liegt bereits nach zehn Jahren höher als die Pflanzzahlen, die man in bewirtschafteten Wäldern ausbringen würde. Hiermit wurde wissenschaftlich belegt, dass Wälder sich selbst in den klimatisch rauen Hochlagen ohne menschliches Zutun hervorragend regenerieren können.

2. Auerhühner brauchen Wellness-Bereiche

2016 und 2017 wurde die Auerhuhn-Population in den Nationalparks Bayerischer Wald und Šumava anhand von Kotproben, Zufallsbeobachtungen und hochauflösenden Luftbildaufnahmen umfassend untersucht. Das Monitoring zeigt, dass derzeit rund 550 Auerhühner im bayerisch-böhmischen Grenzgebirge leben. Damit liegt die Population nicht weit, aber dennoch über der kritischen Schwelle von 470 Tieren, die für das langfristige Überleben notwendig ist. Der begrenzte Lebensraum der Auerhühner in den Schutzgebieten wird durch touristische Nutzung weiter eingeengt. Die genetische Untersuchung der Auerhuhn-Kotproben auf Stresshormone ergab, dass der Stresslevel der Tiere mit der Gästefrequenz steigt. Deshalb sind ungestörte Auerhuhn-Rückzugsräume, die von großen Besucherströmen freigehalten werden, nötig.

3. Totgeglaubte leben länger – der Nationalpark ist ein Hotspot der Biodiversität

Ökologische Störungen, wie Windwürfe oder Borkenkäferbefall, verändern die Struktur und die Zusammensetzung der Wälder und somit der Artengemeinschaften. Sie schaffen Raum und Licht zur Regeneration des Waldes, sorgen für die Bereitstellung von Nährstoffen und tragen zur Anreicherung von Totholz bei. Dadurch entstehen im Nationalpark Bayerischer Wald wieder Lebensräume für Arten, die als verschollen galten. Dazu zählen nicht nur die Urwaldreliktkäfer, sondern auch viele Pilzarten, wie die Zitronengelbe Tramete. Nur dort, wo große Mengen an abgestorbenen Bäumen vorhanden sind, finden diese Urwaldarten ihre hochspeziellen Habitate in ausreichender Zahl. Das vielfältige Raumangebot kommt auch vielen anderen Arten zu Gute, wie der Mopsfledermaus oder dem Zwergschnäpper. Durch die Steigerung der Biodiversität konnten im Nationalpark über 8000 Arten nachgewiesen werden. Vermutet werden jedoch mindestens 14.000 Arten. Hotspots für Insekten, Mikroorganismen sowie für aasfressende Wildtiere sind auch Kadaver, die im Wald verbleiben.

4. Eine Rückkehr ist möglich

1848 wurde der letzte Luchs bei Zwiesel erlegt, seitdem galt die Art im Bayerischen Wald als ausgestorben. In den Jahren zwischen 1982 und 1989 wurden auf dem Gebiet des heutigen Nationalparks Šumava 18 Karpatenluchse freigelassen – mit Erfolg. Nachdem sich die Population zunächst ausgebreitet hat, stagnierte die Anzahl der Tiere seit Anfang der 2000er Jahre. Forschungen ergaben, dass es außerhalb des Schutzgebietes immer wieder zu illegalen Luchstötungen kam. Dies führte zur Stagnation. Seit der öffentlichen Debatte sind die Akzeptanz und damit auch die Zahl der Tiere angewachsen. Gleiches gilt für den Habichtskauz. Deutschlands zweitgrößte Eulenart galt seit ihrem letzten Abschuss im Jahr 1926 im Böhmerwald als ausgestorben. 1975 wurde mit der Wiederansiedlung des Habichtskauzes im Nationalpark begonnen. Lange Zeit überlebten die Tiere nur mit Hilfe spezieller Nistkästen. Dank der Akzeptanz in der Bevölkerung umfasst die bayerisch-tschechische Population aktuell über 50 Reviere. Wo Luchs und Habichtskauz Hilfe brauchten, haben es Wolf sowie die Urwaldreliktkäfer, wie Zottenbock und Rauer Flachkäfer, selbst geschafft. Sie sind auf natürliche Weise zurückgekehrt.

5. Borkenkäferbekämpfung kann auch naturschonend sein

Auf über 70 Prozent der Fläche darf sich im Nationalpark Bayerischer Wald die Natur nach ihren ureigensten Gesetzen entwickeln. In den Randzonen jedoch wird zum Schutz der angrenzenden Wälder dauerhaft Borkenkäferbekämpfung betrieben. Dass es hier naturschonende Möglichkeiten gibt, konnte im Rahmen von Forschungen gezeigt werden. Gängige Methode in der Forstwirtschaft ist die komplette Entrindung von befallenen Fichten. Damit geht aber wichtiges Biomaterial verloren. Der Nationalpark hat eine neue Technik entwickelt, die hilft, den Buchdrucker in Schach zu halten, aber die anderen Nutzer von Totholz weniger zu beeinträchtigen: Das Schlitzen der Baumstämme. Dabei wird nur ein Teil der Rinde, und somit des Biomaterials, entfernt. Der Rest bleibt als Lebensraum und Nahrung für viele Arten im Wald.

6. Mehr Besucher erfordern neue Wege beim Management

Die Zahl der Besucher im Nationalpark Bayerischer Wald nimmt seit einiger Zeit zu, derzeit kommen rund 1,3 Millionen Menschen jährlich in das Schutzgebiet. Für rund 58 Prozent der Erholungssuchenden spielt der Nationalpark eine große oder sehr große Rolle für ihren Besuch in der Region. Die steigende Erholungsnutzung und die daraus resultierenden Konflikte sowohl zwischen verschiedenen Nutzergruppen als auch mit Belangen des Naturschutzes stellen eine der zentralen Herausforderungen des Managements von Großschutzgebieten dar. Nur durch verlässliche Daten über die Eigenschaften und Wünsche von Besuchern kann ein Management durchgeführt werden, das ein Naturerlebnis ermöglicht und den Schutzzielen des Nationalparks Rechnung trägt. Durch ein grenzüberschreitendes sozioökonomisches Monitoring wird eine fundierte Datengrundlage erarbeitet.

7. Natürliche Störungen schaden dem Trinkwasser nicht

Während des Buchdruckerausbruchs im Lusen-Gebiet gab es Befürchtungen, dass die Trinkwassergewinnung im Nationalpark durch zu hohe Nitratbelastungen beeinträchtigt werde. Die Untersuchungen im Nationalpark zeigen, dass die Nitratwerte im Wasser nach großflächigem Borkenkäferbefall zeitverzögert kurzfristig steigen, jedoch nie auch nur annäherungsweise den Grenzwert der Weltgesundheitsorganisation von 50 Mikrogramm pro Liter erreichen. Es wurden selten höhere Werte als 25 Mikrogramm pro Liter gemessen und die Werte lagen in allen Einzugsgebieten fünf Jahre nach dem Borkenkäferausbruch wieder auf dem Ausgangsniveau. Somit existiert auch kein Konflikt zwischen der Förderung der Biodiversität durch großflächige natürliche Störungen wie Windwurf oder Käferbefall und der Bereitstellung von qualitativ hochwertigem Trinkwasser aus dem Nationalpark.

8. Der Nationalpark dient der Regionalentwicklung

Die Marke Nationalpark steht für unberührte wilde Natur, die bei den Besuchern hoch im Kurs steht und sie zum Besuch veranlasst: 58 Prozent der Besucher kommen genau aus diesem Grund in das Schutzgebiet, 98 Prozent der Urlauber im Bayerischen Wald kennen den Nationalpark. Er ist die Hauptattraktion in der Destination Bayerischer Wald und damit Zugpferd für die touristische Regionalentwicklung. Markierte Wanderwege, Besucherzentren, Museen und Tierfreigelände sind wichtige touristische Infrastruktur und damit Rückgrat für den Tourismus und die Naherholung im Bayerischen Wald. Die Gästekarte GUTi für kostenlose Mobilität mit Bus und Bahn in der Nationalparkregion unterstützt nachhaltigen Tourismus und den regionalen öffentlichen Nahverkehr. Das Nationalpark-Partner-Projekt fördert umwelt- und nationalparkfreundliche touristische Dienstleister aus den Sektoren Gastgewerbe, Mobilität und Erlebnisdienstleistung und damit nachhaltige Entwicklung in der Region.

9. Der Klimawandel ist im Nationalpark angekommen

Die April-Temperaturen stiegen in 30 Jahren um knapp vier Grad an, die Bayerwald-Schneedecke muss nun meist schon drei bis vier Wochen früher kapitulieren. Dementsprechend verschieben sich die Vegetationsperiode sowie der Abfluss des Schmelzwassers und die Grundwasserneubildung nach vorn. Im späteren Jahresverlauf gibt es jedoch weniger neues Grundwasser. Dafür verantwortlich sind die höheren Sommertemperaturen, die zu einer stärkeren Wasserverdunstung der Bäume führen. Somit kann weniger Flüssigkeit im Boden versickern. Pilze, Tiere und Pflanzen reagieren unterschiedlich auf diese Entwicklung. Einige Vögel und Insekten bevölkern nun auch Höhenlagen, in denen sie bisher nicht angetroffen wurden. Arten, die sich auf die Gipfelbereiche spezialisiert haben – wie Bergglasschnecke, Siebenstern oder Ringdrossel – laufen hingegen Gefahr, im Bayerwald zu verschwinden.

10. Wälder mit viel Totholz sind keine Kohlenstoffdioxid-Schleudern

Der Anblick stehenden und liegenden Totholzes hat in jüngerer Zeit die Frage provoziert, ob „Natur Natur sein lassen“ nicht negative Auswirkungen auf unser Klima erzeugen könnte. Schließlich verrottet dieses Holz vor Ort und gibt dabei Kohlenstoffdioxid (CO2) in die Atmosphäre ab, während dem Nutzholz eine längere Lebensdauer zugeschrieben wird. Letzteres ist jedoch eine falsche Annahme: Das genutzte Holz wird im Mittel schneller verbrannt als das im Wald verbliebene Holz verrottet. Wissenschaftliche Untersuchungen in Nutz- und Naturschutzwäldern, international und im Nationalpark, haben zudem gezeigt, dass sich Borkenkäfer und Sturmwurf kaum von der Holzernte als Störung des Ökosystems unterscheiden. Die CO2-Verluste aus dem Boden sind höchstens gleich groß und werden nach maximal 15 Jahren durch die CO2-Festlegung in Biomasse der nachfolgenden Vegetation wieder übertroffen – umso schneller, je intakter Kraut- und Strauchschicht und Baumverjüngung die Störung überdauert haben.