Frisches Brot, resche Brezen und weiter Bäckerspezialitäten gibt es auf den bayrischen Wochenmärkten

Langsam im Woid

Macht man in Deutschland eine Umfrage, welche Ferienregion als besonders nachhaltig empfunden wird, so steht der Bayerische Wald ganz oben auf der Liste. „Tolle Landschaft, Wandern, Berge, Erholung, Wald“ sind die Stichpunkte, die den Menschen gleich einfallen.

Container

Aber wer urlaubt eigentlich im „Woid“ – und warum? 

2019 wurden 1,4 Millionen Besucher im Nationalpark gezählt. Im Coronajahr 2020, zum 50. Geburtstag des Nationalparks, gab es in Deutschland nur „Urlaub dahoam“ – statt „mit dem Flugzeug weit weg“. Wohnmobile waren gar nicht mehr so schnell zu produzieren, wie sie bestellt wurden. Jeder war am liebsten im eigenen Haus unterwegs. Ein „Besucheransturm“ auch im Bayerischen Wald. Es gab viele Verstöße gegen die Regeln, die im Nationalpark die Natur schützen – einfach mal quer durchlaufen oder das fahrende Häuschen mitten im Wald abstellen. Der Bayerische Wald wie der Nationalpark wurden ähnlich überschwemmt wie die Voralpen Sommer für Sommer. Mittlerweile urlauben im Bayerischen Wald zunehmend auch die Münchner, um dem Rummel vor der eigenen Haustür zu entgehen. 

Und um hier etwas zu finden, das einen Urlaub zum Urlaub macht: Erholung und Auszeit.  

Mittlerweile fliegen die Flugzeuge ja wieder, es wird nachgeholt und vorgeflogen mit dem Argument, dass man ja nicht weiß, wie lang man sich das noch leisten kann … 
Interessant ist ein weiterer Blick in die Statistik, der zeigt, dass viele, die im Bayerischen Wald Urlaub gemacht haben, wiederkommen.  
Südtirol gab kürzlich bekannt, keinesfalls noch weitere Touristenunterkünfte bauen zu wollen. An den Lieblingsorten der Insta-Fotografen wie den Drei Zinnen oder dem Pragser Wildsee gibt es demnächst Zugangsbeschränkungen. Der Bayerwald geht’s gelassen an. Nach Corona hat es sich hier wieder entspannt. Dennoch: „Vom Boa weg“, wie man so schön sagt, konzentriert man sich auf die Nachhaltigkeit der Ferienregion. Lebenswert soll es bleiben für die Bewohner. Sonst ist es für den Gast auch nicht schön. 

Ein Blick in die Statistik zeigt, dass viele, die im Bayerischen Wald Urlaub gemacht haben, wiederkommen.  
Frische regionale Spezialitäten gibt es auf den vielen Wochenmärkten im Bayerischen Wald

Fair trade towns im Bayerischen Wald

 Ökologie, Ökonomie und soziale Verträglichkeit gehören zusammen. 
Im Bayerischen Wald gibt es mittlerweile sechs sogenannte „fair trade towns“ und sogar einen ganzen fair trade Landkreis. Fairtrade-Towns fördern den fairen Handel auf kommunaler Ebene und sind das Ergebnis einer erfolgreichen Vernetzung von Akteur*innen aus verschiedenen Bereichen, von Politik, über Wirtschaft bis zur Privatperson. 
Wir treffen uns heute mit einer Expertin, Monika Häuslmeier, Tourismuschefin einer der fair trade towns im Bayerischen Wald. 
Eine echte Netzwerkerin mit übergreifendem Denken. „Nachhaltigkeit“ funktioniert nicht als Inselstaat, sagt sie. Das ist u. a. einem engagierten Bürgermeister zu verdanken, der das schon vor vielen Jahren vorangetrieben hat. Fair-Trade-Stadt zu werden bedeutet, dass Lokale, Schulen, Vereine, Geschäfte, die Wirtschaft und die Behörden an einem Strang ziehen müssen. Sonst wird das nix. Im Gespräch wird das spürbar. Hier gibt es sogar ein „Jugendparlament“. 
 
Und auf dem berühmten Bauernmarkt, der mitunter Grund ist für die Auszeichnung als einer von „100 Genussorten Bayerns“ zählt, gibt es gelegentlich „Wastecooking“ – ein Projekt von Jugendlichen, die mit nicht mehr verkäuflichen Lebensmitteln und der Unterstützung von Profiköchen für die Allgemeinheit ein kostenloses, hervorragendes Mahl auf dem Markt servieren. Abgesehen davon ist dieser Markt, ebenso wie der Wochenmarkt am Mittwoch, insgesamt ein wichtiger sozialer Treffpunkt. Der ein oder andere Stammtisch verabredet sich genau zur „Marktzeit“. Und angeboten werden herrliche regionale Produkte. 
 
„Die kurzen Wege sind wichtig“, sagt Frau Häuslmeier. Man kennt sich und man hilft sich und man redet und alle sind am Schluss beteiligt. Vielleicht ist das das Geheimnis. Alle müssen eingebunden sein. Dem Gast begegnet dieses Prinzip überall. Na bitte, geht doch. Statt Stadtflucht wird hier die „Stadtflucht rückwärts“ erlebt: es wird gebaut, bevorzugt im Kern, Mehrfamilienhäuser. 

Die kurzen Wege sind wichtig
Monika Häuslmeier
Die waldbahn verbindet den Nationalpark Bayerischer Wald, sowie die Arberregion mit den Städten Deggendorf und Plattling

Bewusster. Langsamer. Aufmerksamer. 

Die jungen Leute kommen zurück. Nachhaltig lebenswert also. Was man auch als Tourist hier erlebt. Steigt man hier in die Waldbahn, geht’s hinein in die unberührte Naturschönheit entlang einer herrlichen Flusslandschaft. Stadtbus ist kostenlos und Trinkwasser gibt es aus öffentlichen Brunnen im Rahmen der „Kampagne Wasser“. 

Der Tourismus des Bayerischen Waldes kommt nicht laut daher, vielleicht ist das der Grund, warum viele wiederkehren. Das imposante Waldgebiet bedarf unserer Achtsamkeit. Dafür gibt der Wald viel zurück, was anderswo schwer zu finden ist. Zeit hat hier andere Dimensionen. Es gurgelt mal ein Bach, eine Nebelschwade hält sich am Baumwipfel fest, der Rotmilan zieht seine Kreise und nachts belauscht man mit viel Glück die Unterhaltung zweier Waldkäuze. Eine leise Gegend, die dazu einlädt, endlich mal „anders zu reisen“. Bewusster. Langsamer. Aufmerksamer. Nachhaltigkeit hat hier Tradition und Expertentum, denn Ressourcen waren nie uneingeschränkt verfügbar, Zusammenhalt unabdingbar. Ein echter Schatz, der hier gehütet wird. Den man als Gast im „Woid“ mit großem Genuss entdecken kann.  
 

Alle Infos